Sind Körpertechniken ein Teil dessen, was wir Kultur nennen? Entsteht durch gemeinsame Körperpraxen Wissen? Und was hat dieses Wissen mit Macht zu tun? Die Reihe Embodied Practices, die in unregelmäßigen Abständen im Radialsystem stattfindet, erprobt Formen des Bewahrens und Weitergebens von Körperpraxen aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Sie stellt eine Form der Wissensproduktion ins Zentrum, die mit dem Körper und der Erfahrung beginnt. Die Teilnehmer*innen sind eingeladen, gemeinsam mit den Künstler*innen in verschiedene künstlerische Ausdrucksformen einzutauchen. Die Reihe wurde 2022 mit den Künstler*innen Martha Hincapié Charry, Sandhya Daemgen und Raphael Moussa Hillebrand im Rahmen des Projektes Encounters entwickelt.
#18 Maque Pereyra: „Yoggaton: Transformative Pleasure“
Am letzten Oktoberwochenende 2026 lädt die Künstlerin Maque Pereyra zu der Embodied Practice Yoggaton: Transformative Pleasure ins Radialsystem ein. Yoggaton ist eine intersektionale Bewegungspraxis, die die bolivianische Künstlerin seit 2016 entwickelt. Durch die Verbindung von Yoga-Asanas, Beckentänzen und Reggaeton-Musik versteht Yoggaton den Körper als Ort der Erinnerung, der Kreativität und des verkörperten Wissens. Aus einer dekolonialen Perspektive hinterfragt Maque Pereyra binäre Vorstellungen von Spiritualität und Sinnlichkeit, Körper und Geist sowie Lust und Wissen. Entstanden aus zehn Jahren künstlerischer Forschung, Workshops und Performances – darunter „Solar Threshold“, „Culona de cerebro jugoso“ und das Forschungsprojekt „Perreando la migración“ – ist Yoggaton sowohl eine Bewegungs- als auch eine künstlerische Praxis.
Zum zehnjährigen Jubiläum von Yoggaton entfaltet sich die Embodied Practice als ein hybrider Performance-Workshop: Die Teilnehmenden sind zu einer Reise eingeladen, die von der Reflexion über Verkörperung bis hin zum Feiern führt und dabei die Grenzen zwischen gemeinsamem Lernen, Performance und Tanzfläche verschwimmen lässt.
#17 Hiltinho Fantástico & Katiany Correia: „Brazilian Urban Dances“
Als Auftakt der neuen Reihe wielding fissures – carving cracks in the surface of the now Ende Juli 2026 im Radialsystem zeigte die brasilianische Choreografin Alice Ripoll gemeinsam mit der Künstler*innen-Gruppe Cia. REC aus Rio de Janeiro die Performance Adorno. Ripolls Arbeit basiert auf zeitgenössischem Tanz und urbanen Tanzstilen aus Brasilien. Ergänzend vermitteln die Tänzer*innen Hiltinho Fantástico und Katiany Correia im Rahmen einer Embodied Practice-Session für Tanzschaffende und weitere Interessierte Techniken der brasilianischen urbanen Tanzstile Passinho und Rebolado.
Passinho ist ein Stil, der seinen Ursprung in den Favelas von Rio de Janeiro hat. Er wird zum Rhythmus des Funk Carioca getanzt und ist bekannt für seine Beweglichkeit, seine komplexen Fußbewegungen und seine dynamische Energie. Der Stil vereint Einflüsse verschiedener Tanzformen, darunter Breaking, Popping, Frevo, Samba, Kuduro und andere. Heute wird Passinho häufig bei Tanzbattles und Bühnenauftritten praktiziert. Rebolado wird ebenfalls zu Funk-Carioca-Musik getanzt und lässt sich als brasilianische Form des Twerking beschreiben. Im Mittelpunkt stehen dabei die Lockerung und Kontrolle der Hüftmuskulatur sowie der Erweiterung des Rhythmusgefühls und der Bewegungsmöglichkeiten. Dabei werden Groove und Körperkoordination erforscht.
#16 Sorour Darabi: „It Takes a Broken Voice“
Als Auftakt der neuen Reihe wielding fissures – carving cracks in the surface of the now Ende Juli 2026 im Radialsystem präsentierte der iranische Choreograf Sorour Darabi die Deutschlandpremiere von Mille et Une Nuits. Die performative Oper gibt Stimmen einen Raum, die von alten Mythen an den Rand gedrängt wurden. Als thematischen Einstieg bot der Künstler mit „It Takes a Broken Voice“ allen an Tanz- und Stimmarbeit Interessierten an, ausgewählte Momente aus dem Entstehungsprozess des Stücks „Mille et Une Nuits“ zu erkunden.
Vor einigen Jahren hat Sorour Darabi begonnen, die Arbeit mit der Stimme in seine choreografischen Prozesse zu integrieren. Für „Mille et Une Nuits“ arbeitete er mit Henry Brown zusammen, einem transmaskulinen Opernsänger und Forscher, der sich auf Transstimmen in der Oper spezialisiert hat. Gemeinsam begannen sie eine intensive Stimmarbeit mit allen Performer*innen.
In dieser „Embodied Practice“-Session lud Sorour Darabi die Teilnehmenden ein, an einer transfreundlichen Stimmästhetik zu arbeiten. Dabei steht die Kreativität und die Art und Weise im Vordergrund, wie die Erfahrung stimmlicher Transition – insbesondere im Zusammenhang mit einer Hormontherapie – unsere Beziehung zum Körper und zur Stimme verändern und bereichern kann.
Embodied Practices Extended: Elisabete Finger, Pol Pi & Nitsan Margaliot, Tatiana Mejía, Martha Hincapié Charry
Ein Wochenende, in dem geteilte künstlerische Praxis, Dialog und gemeinsam verbrachte Zeit im Mittelpunkt standen: Fünf Künstler*innen, die in den vergangenen Jahren im Radialsystem in Erscheinung getreten sind, luden am 29. und 30. November 2025 professionelle Tanzschaffende dazu ein, eigene Arbeitsweisen und Erfahrungen in einen gemeinsamen künstlerischen Resonanzraum einzubringen. Die vier Formate von Embodied Practices Extended konnten einzeln oder in Kombination besucht werden und eröffneten vielfältige Möglichkeiten des Begegnens und Austauschs.
Zwischen verkörperten Archiven der Fürsorge, Stimmen des Klagens und Erinnerns, Bewegungen der Zärtlichkeit und Praktiken des ökologischen Trauerns entfaltete sich ein Geflecht aus Körpern, Gesten und Stimmen. „Embodied Practices Extended“ soll die oft unsichtbare, kontinuierliche Arbeit sichtbar machen, die künstlerische Praxis trägt und zusammenhält. Zugleich öffneten sie Raum für das, was noch keine Gestalt gefunden hat.
Ein gemeinsames Essen lud dazu ein, den Austausch zwischen den einzelnen Sessions fortzusetzen. Sichtbares und unsichtbares verkörpertes Wissen verband sich zu einem Raum geteilter Aufmerksamkeit – einem Ort, an dem Praxis zu Beziehung wird, Berührung zu Erkenntnis, Zuhören zu Handlung. ‚Hosting‘ wird hier zur Kunst des Miteinander-Seins: offen, durchlässig und in Transformation.
#15 Martha Hincapié Charry: „EARTH BODIES – environmental grief“
Der Workshop EARTH BODIES – environmental grief untersuchte das Gefühl der Trauer, das durch die andauernden negativen Umweltveränderungen und vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen ausgelöst wird, und dokumentiert die körperlichen Effekte dieser Trauer. Das gemeinsame Forschen gilt der ökologischen Trauer („environmental grief“) angesichts der Bedrohung und Gefährdung unserer Ökosysteme und Heimaten durch Erderwärmung und andere Umweltkrisen. Dabei stehen insbesondere die physischen, mentalen und emotionalen Auswirkungen von Klimawandel und Extremwetter im Zentrum.
„EARTH BODIES“ denkt die gegenseitige Fürsorge von Mensch und Umwelt mit einer ökofeministischen und dekolonialen Perspektive neu – durch die Pflege biodiverser Beziehungen und einen regenerativen Ansatz. Wie wirkt sich die ökologische Trauer auf unsere Körper und unsere Beziehungen aus? Der Workshop öffnete den Raum für somatische, sensorische und verkörperte Begegnungen und möchte ein Bewusstsein für die Dringlichkeit schaffen, unsere verwundete Heimat wieder zu renaturieren. In einem zeremoniellen Rahmen wird menschliches und mehr-als-menschliches überliefertes Wissen geteilt. Die Teilnehmer*innen wurden eingeladen, in einem intimen und immersiven Setting ihre Schuhe auszuziehen und in Berührung mit der Erde zu kommen.
#14 Tatiana Mejía: „Resonating Practice“
Ein Workshop über Lebenskraft: fließend, zyklisch, unsichtbar. Tatiana Mejía lädt die Teilnehmer*innen zu einer gemeinsamen Praxis aus Bewegung, Stimme und Erinnerung ein. Aus Körperempfinden und Vorstellungskraft entstehen angeleitete Partituren, die afro-karibischen und zeitgenössischen Tanz mit somatischen Praktiken und alltäglichen Bewegungen verbinden. Durch Praktiken wie Lamento, Loops oder Call and Response wird die Stimme zu Rhythmus, Schwingung und Erinnerung. Resonating Practice ist eine Einladung zur Neugier; eine Einladung, Stimme und Bewegung mit einem Bewusstsein für unsere Wahrnehmung, körperliche Erinnerung, Freude und Schmerz in Verbindung zu bringen. Ein Raum, um sich mit der Gegenwart zu bewegen, mit dem, was fließt, was Widerstand leistet, was sich neu formt – und um einen Blick darauf zu werfen, wie sich die Zukunft anfühlen könnte.
#13 Pol Pi & Nitsan Margaliot: „Variations on Tenderness“
Pol Pi und Nitsan Margaliot teilen ähnliche Ansätze, Interessen und Arbeitsweisen. Beide arbeiten mit somatischen Praktiken, um Intuition in den künstlerischen Prozess einzubringen, sie teilen die Leidenschaft für die Arbeit mit Archiven und Erinnerungen und nutzen Verletzlichkeit als einen Weg, um mit dem Publikum in Kontakt zu treten. In dieser ersten Zusammenarbeit entspinnt sich der Dialog aus dem Prinzip der Zärtlichkeit.
Was kann Zärtlichkeit uns über die Art und Weise erzählen, wie wir die Welt und unsere eigenen Körper bewohnen, über unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unsere Verbindung mit allem Lebenden? Welche ethischen Grundsätze können uns dabei leiten, eine Poetik der Zärtlichkeit zu entwickeln? Mittels eines Variationsprinzips (im musikalischen Sinne, wo ein Thema in leicht modifizierter Form wiederholt wird) entsteht ein performativer Dialog, der auf der graduellen Transformation von choreografischem Material basiert, welches sich vom Gedanken der Zärtlichkeit ableitet: Gesten, Bewegungen oder Situationen, die neu oder aus Archiven abgeleitet sind.
#12 Elisabete Finger: „Horses Forces – Embodying Archive Images“
Der Workshop geht von einem Archiv künstlerischer, historischer und dokumentarischer Bilder aus, die vielfältige Formen von Fürsorge in verschiedenen Zeiten, Kulturen und Orten darstellen. Die zentrale Frage in diesem Archiv ist nicht, was wir pflegen, sondern wie wir pflegen. Was geschieht mit dem Körper derjenigen, die Fürsorge geben und empfangen?
Gemeinsam durchstreifen die Teilnehmer*innen dieses Archiv und probieren verschiedene Möglichkeiten aus, die Bilder zu verkörpern. Die ursprünglichen Abbildungen werden durch die Körper der Teilnehmer*innen ersetzt, um nicht nur das Sichtbare – Gesten, Körperhaltungen und anatomische Zusammenhänge –, sondern auch das Unsichtbare zu untersuchen: die politischen, sozialen, kulturellen und überlieferten Kräfte, die unser Handeln durchziehen und leiten. Durch die Verkörperung dieser Erzählungen werden die Teilnehmer*innen zum Medium eines Systems: sie geben die Kontrolle ab und verwandeln sich in ‚Pferde‘, die von unsichtbaren Kräften gelenkt werden. Aus subtilen Weiterentwicklungen der zentralen Abbildung entsteht eine Choreografie, die sich – ähnlich einem GIF – in einer Schleife oder einer kurzen fiktionalen Fortsetzung entfaltet.
#11 André Uerba: „Space Weavers“
Im Rahmen der Programmreihe Conjunctions – Acts of being in relation lädt der Choreograf André Uerba zu einer zweitägigen Embodied Practice ins Radialsystem ein. Space Weavers (deutsch: „Raumweber“) nimmt Gesten der Intimität und der Unterstützung wie Geben und Empfangen zum kreativen und ethischen Ausgangspunkt. Der Workshop erforscht strukturelle und politische Aspekte von Intimität durch Gesten, Text, Sound und Berührung.
Als choreografisches Labor geht „Space Weavers“ aus der Kultivierung körperlicher Praktiken hervor. Im Zentrum stehen Übungen der Entschleunigung, der Verbindung und des gemeinsamen Fühlens. Die Teilnehmer*innen sind eingeladen, ihren ‚Space Weaver‘ – ihren Erzeuger von Räumen, die sie bewohnen – als individuellen und als kollektiven Körper zu entdecken. Durch die Arbeit mit langsamen Bewegungen, Nähe, Präsenz, Raumhalten, Konsens und sanften Berührungen möchte der Workshop einen Raum schaffen, in dem das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sowie Gesehen-, Gehört- und Gehaltenwerden im Vordergrund steht: „Space Weavers“ ist eine gemeinsame Suche nach neuen Formen des Zusammenkommens im 21. Jahrhundert.
Sa 20 09 2025 11:00 – 18:00 Uhr
So 21 09 2025 11:00 – 18:00 Uhr
#10 Diana Niepce: „The Knowing Body“
Begleitend zu der Programmreihe Conjunctions – Acts of being in relation lud die Tänzerin und Choreografin Diana Niepce in ein Laboratorium ein, in dem entlang von Improvisation Logiken der Physik, die den Körper in der Bewegung leiten, erforscht wurden. Das Ziel des Workshops The Knowing Body ist es, Techniken zu entwickeln, mit denen Körperwissen vertieft und der Körper als ein Zustand der Potentialität neu formuliert werden kann. Den Körper von innen heraus zu denken, ihn in seinem Werden und Wandel verstehen zu lernen, schafft Zugänge, um seine Identität anders zu begreifen und ihn als Geschichte und Manifest zu definieren. „The Knowing Body“ konzentriert sich auf Improvisation, auf die Art und Weise, wie Raum wahrgenommen und genutzt wird, und auf den Blick, der Ideen eines hybriden Körpers ermöglicht – Ideen, die ironisch und sarkastisch auf der Bühne ihren Platz finden können.
Parallel zu der kollektiven Entwicklung nicht-normativer Tanz- und Körperpraktiken bietet „The Knowing Body“ einen Raum, um über die Möglichkeit einer „guten Praxis“ nachzudenken. Wie kann eine ethische und demokratische Tanzpraxis aussehen? Was ist bei der Kommunikation im Tanz zu beachten? „The Knowing Body“ ist ein kreativer Prozess in einem politischen und identitätsbezogenen Kontext. Teilnehmer*innen werden angeregt, über (künstlerische) Schöpfung in Bezug auf ihre soziale Relevanz, Geschichtsschrei-bung, Genealogie und Dringlichkeit nachzudenken.
#9 Alexandre Achour: „Dance with me“ (ABGESAGT)
Begleitend zu der Programmreihe Conjunctions – Acts of being in relation präsentierte der Choreograf Alexandre Achour sein Praxisformat Dance with me zum ersten Mal in Berlin. „Dance with me“ ist Teil des Projekts „Choreographic Games“ („Choreografische Spiele“) von Achour, das die Schnittmenge von Choreografie und Live Action Role Playing (LARP) erforscht. LARP ist ein immersives Spiel, bei dem die Teilnehmer*innen Charaktere verkörpern und fiktive Szenarien (nach-)spielen. „Dance with me“ konzentriert sich auf die Umsetzung dynamischer choreografischer Strukturen, die Perspektiven und Ästhetiken dezentrieren. Das LARP basiert auf der Fiktion einer Probe und einer Aufführung und erforscht den komplexen Raum zwischen Unterstützung als Arbeitsprinzip und der Autorität der einzelnen Künstler*innen. Es ist eine Mischung aus getanzten und gesprochenen Szenen, während derer die Teilnehmer*innen eingeladen sind, Immersion, Ko-Kreation, Zusammengehörigkeit, Dissens und vor allem Verspieltheit zu erleben.
Leider musste die Embodied Practice kurzfristig abgesagt werden.
#8 Joy Alpuerto Ritter: „Storytelling“
Im Rahmen des Praxisformats Storytelling ludt die Tänzerin und Choreografin Joy Alpuerto Ritter dazu ein, den Körper als Werkzeug und Quelle zu erforschen, um Geschichten zu erzählen: Eine Untersuchung des Selbstausdrucks und des Potentials, die innere Kraft durch den Körper sprechen zu lassen.
In traditionellen Tanzformen aus Hawaii, Indien oder von den Philippinen, in tänzerischen Ausdrucksformen aus der Black Dance Culture wie Krump und Vogueing und vielen weiteren Tanzkulturen werden gestische Bewegungen in spezifischen Formen praktiziert, um Geschichten zu erzählen und Gefühle auszudrücken. Diese Form der Kommunikation, die einem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Ausdruck und Dialog entspringt, ist eine Möglichkeit, Geschichten durch Bewegung und Tanz weiterzugeben.
Joy Alpuerto Ritter verfügt über eine langjährige Erfahrung und Praxis in verschiedenen Tanzkulturen und wird unterschiedliche Methoden der Körper-Kommunikation und des Ausdrucks vermitteln. Dabei stand insbesondere die Artikulation der Hände im Zentrum sowie die Art und Weise, wie wir unterschiedliche emotionale Energien durch den Körper verarbeiten.
#7 Myriam Van Imschoot & Lucas van Haesbroeck: „Voice-Session“
Im Rahmen der immersiven Performance Nocturnes for a Society von Myriam Van Imschoot und Lucas van Haesbroeck, die am 26. und 27. Juli im Radialsystem als Deutschlandpremiere zu erleben war, war das Publikum zu zwei „Embodied Practices“-Formaten eingeladen, deren Fokus auf der Herstellung von Filz als gemeinsame Praxis und der Stimme als Medium der Gemeinschaftsbildung liegt.
In dieser Voice-Session lud die Klangkünstlerin Myriam Van Imschoot dazu ein, die greifbaren klanglichen und auditiven Verbindungen sowohl untereinander als auch mit der Akustik und den Räumen im Radialsystem zu erleben. Die Session bot die besondere Gelegenheit, in einer entspannten und offenen Umgebung die Kraft der eigenen Stimme in einer Gruppe zu erleben. Sie umfasste ein Warm-up und mehrere angeleitete Gruppenimprovisationen.
#6 Myriam Van Imschoot & Lucas van Haesbroeck: „Felt-Session“
Im Rahmen der immersiven Performance Nocturnes for a Society von Myriam Van Imschoot und Lucas van Haesbroeck, die am 26. und 27. Juli im Radialsystem als Deutschlandpremiere zu erleben war, war das Publikum zu zwei „Embodied Practices“-Formaten eingeladen, deren Fokus auf der Herstellung von Filz als gemeinsame Praxis und der Stimme als Medium der Gemeinschaftsbildung lag.
Die Herstellung von Filz ist ein uralter Prozess. Der leichte Zugang zu der Technik und die Tatsache, dass dieses „Werk vieler Hände“ Verbindungen schafft, machen das Filzen zu einem besonderen Moment der Begegnung: In der offenen Werkatmosphäre können Gespräche entstehen, Wissen und Techniken im Zusammenhang mit Wolle und dem Filzprozess ausgetauscht und angewandt werden. Die Teilnehmer*innen stellten Filzdecken her, jede einzigartig und besonders mit eigenen Motiven und Mustern. Die Filzdecken waren dann integraler Bestandteil der Performance „Nocturnes for a Society“ von Myriam Van Imschoot und Lucas Van Haesbroeck.
Encounters
Die Plattform Encounters wurde gemeinsam mit den assoziierten Kurator*innen Raphael Moussa Hillebrand, Sandhya Daemgen und Martha Hincapié Charry entwickelt. Im September 2022 lud der Tänzer, Choreograf und Aktivist Raphael Moussa Hillebrand, dessen künstlerisches Arbeiten in der B-Boy-Szene verwurzelt ist und der 2020 mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet wurde, wichtige Vertreter*innen urbaner Tanzstile dazu ein, gemeinsam mit den Teilnehmer*innen in die Welt von House Dance, Breakin‘ und Krump einzutauchen. Im Oktober 2022 gestaltete die Tänzerin, Performerin und Videokünstlerin Rocío Marano einen Workshop zum argentinischen Malambo – westliche Zuschreibungen stellt sie in Frage und verknüpft die Entstehung des Tanzes mit der kolonialen und gewaltvollen Geschichte Argentiniens. Zur Auseinandersetzung mit der menschlichen Stimme und kulturell geprägter Gesangstechniken luden Mitte November 2022 die Sänger*innen Peny Chan und Rully Shabara ein. Ebenfalls im November 2022 beschäftigten sich die Künstler*innen Martha Hincapié Charry und Thiago Granato mit Körperpraxen als Teil lokaler Utopien und Überlebensstrategien in indigenen Gemeinschaften ihrer Herkunftsländer.
„Encounters“ ist ein Projekt des Radialsystems und wird unterstützt durch Bureau Ritter / TANZPAKT RECONNECT, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen der Initiative NEUSTART KULTUR. Hilfsprogramm Tanz.
#5 Martha Hincapié Charry: „foRest – slow medicine“
Langsamkeit als Heilungsprozess: Den Körper mit dem Sonnenuntergang deaktivieren, die Last des Tages hinter sich lassen – „foRest – slow medicine“ öffnet einen Raum der Entschleunigung und orientiert sich dabei an der Geschwindigkeit der Erde. In einem ganzheitlichen Bewusstsein für die enge Beziehung zwischen Mensch und Natur sind menschliche Ruhe und Muße wichtige Faktoren, um den Systemen auf der Welt Zeit zu geben, sich zu regenerieren: „foRest – slow medicine“ lädt dazu ein, sich mit dem Zusammenhang zwischen der aktuellen Krise unserer natürlichen Ressourcen und unserer Beziehung zum Innehalten auseinanderzusetzen.
Im fünften Praxis- und Dialogformat der neuen Reihe „Encounters – Embodied Practices“ im Radialsystem lädt die BIPoC (Black, Indigenous, People of Color)-Künstlerin, Choreografin, Performerin und Kuratorin Martha Hincapié Charry mit „foRest – slow medicine“ in einen abendlichen Raum der Verlangsamung und Regeneration.
Ruhe ist ein Privileg. Der Mangel an Ruhe – sowohl zwischen uns Menschen wie auch der uns umgebenden Umwelt – zeigt sich deutlich im wachsenden klimatischen Chaos. Langsame Rhythmen hingegen schaffen Distanz zu Konsum, Produktion, Hektik und fortlaufenden Inputs – quasi als Kontrapunkt zum vorherrschenden kapitalistischen Paradigma. Der Ruhe Priorität einzuräumen, kann hier als widerständiger Akt der Heilung verstanden werden.
Gleichzeitig ist Ruhe ein Vorrecht, das vor allem weiße Körper genießen. Koloniale Wunden, Zerstörung der Natur, erzwungene Migration und kapitalistische Ermüdung haben größere Auswirkungen auf Menschen aus dem BIPoC-Kontext, für die das Ausruhen beängstigend und die Verlangsamung erschreckend sein kann.
Mit dem Format „foRest – slow medicine“ lädt Martha Hincapié Charry die Teilnehmenden ein, das zu integrieren, was am Tag erlebt wird, und dabei zirkadiane Rhythmen zu verkörpern. Zirkadiane Rhythmen regulieren die im Laufe eines Tages auftretenden körperlichen und geistigen Veränderungen von Lebewesen.
„foRest – slow medicine“ ist offen für alle Interessierten, Menschen aus dem BIPoC-Kontext sind besonders willkommen. Die Teilnehmenden werden passiv einbezogen, erwünscht ist eine grundsätzliche Offenheit, barfuß zu sein und in Kontakt mit der Erde zu kommen.
#4 Thiago Granato: „Moving Through Emergencies“
Im vierten Praxis- und Dialogformat der neuen Reihe „Encounters – Embodied Practices“ im Radialsystem lädt der brasilianische Choreograf Thiago Granato mit „Moving through Emergencies“ am frühen Morgen zu einer gemeinschaftlichen Körperpraxis ein, die von einem Ritual der indigenen Gemeinschaft der Txucarramãe in Brasilien inspiriert ist.
Thiago Granato hat in den letzten Jahren eine besondere Arbeitsmethodik entwickelt. Sie basiert auf einem körperlichen Training, das Kundalini Yoga, somatische Faszienstudien und eine Praxis für energetisches Körperbewusstsein, das sich auf ein Ritual der brasilianischen Txucarramãe bezieht, verbindet. Thiago Granato wird diese Körperpraxis mit den am Workshop Teilnehmenden teilen und sich im Gespräch mit ihnen der Frage nähern, wie eine performative Praxis identifiziert, verortet und aufrechterhalten werden kann.
„Moving through Emergencies“ richtet sich an Choreograf*innen, Tänzer*innen und Performancekünstler*innen, denen kollaborative Kreationsprozesse vertraut sind. Die Teilnehmenden sollten vor dem Workshop eine leichte Mahlzeit zu sich nehmen, da einige Atemübungen Druck auf den Bauch ausüben können.
#3 Peny Chan & Rully Shabara: „Vocal Practices“
Mitte November laden die Sänger*innen Peny Chan und Rully Shabara im Rahmen von „Encounters – Embodied Practices“ zu einem Praxis- und Dialogformat im Radialsystem ein, in dem selbstbewusstseinsstärkende Gesangstechniken erprobt werden, verbunden mit einem Einblick in die Tradition und Aktualität der Peking-Oper. Rully Shabara lädt zum gemeinsamen Singen im Chor ein, bei dem weniger die Musik als vielmehr die wertschätzende Arbeit mit der menschlichen Stimme im Vordergrund steht. Mit speziellen Gesangstechniken vermittelt Shabara eine Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme, die sowohl das Selbstvertrauen stärkt als auch einen respektvollen Umgang miteinander fördert. „#3 Vocal Practices“ findet in Kooperation mit dem internationalen Mentoringprogramm „Forecast“ statt, das Chan und Shabara erstmals im Juli 2022 im Radialsystem zusammenbrachte.
Die aus Malaysia stammende Sängerin ergänzt das Praxisformat um eine kulturtheoretische Einführung in die wechselhafte Geschichte sowie Techniken und Präsentationsformen der Peking-Oper. Im Rahmen von „Forecast“ beschäftigt sie sich mit den traditionellen Gesangstechniken der Peking-Oper und ihrer Dekonstruktion in ein neues, experimentelles Gesangsgenre. Gemeinsam mit ihrem Mentor Shabara, der aus Indonesien stammt, adaptiert sie chinesische Opernlibretti für südostasiatische Sprachen und erweitert damit die Grenzen akzeptierter Klänge innerhalb der Peking-Oper.
Das Ergebnis der zehnmonatigen Zusammenarbeit mit ihrem Mentor Shabara, wird Chan kommendes Jahr beim „Forecast Festival 7“ vom 17.-18. März im Radialsystem präsentieren.
#2 Rocío Marano: „Matria – Motherland“
Malambo ist der traditionelle Tanz der Gauchos in Argentinien: auf Rhythmen basierend und ohne Melodien oder Texte, eine Art Stepptanz, traditionell nur von Männern ausgeführt.
Im zweiten Workshop „Matria – Motherland“ der neuen Reihe „Encounters – Embodied Practices“ im Radialsystem lädt Rocío Marano dazu ein, sich mit dem Malambo auseinanderzusetzen. Die in Berlin lebende argentinische Tänzerin, Performerin und Videokünstlerin beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Forschung mit traditionellen argentinischen Tänzen. Dabei hinterfragt sie die ästhetischen Paradigmen des westlichen, zeitgenössischen Tanzes und Zuschreibungen wie die der Folklore. Die Entstehung des Malambo verknüpft sie zugleich mit der kolonialen und gewaltvollen Geschichte Argentiniens.
Der Workshop konzentriert sich auf die beiden rhythmischen Aspekte des Malambo: auf das geräuschvolle, stepptanzartige Stampfen mit den Füßen – „zapateos“ – einerseits, sowie auf die rhythmischen Bewegungen zur argentinischen Trommel Bombo Legüero andererseits. Neben praktisch-tänzerischen Aspekten des Workshops werden auch theoretische Fragestellungen aufgegriffen: Wie können die populären und traditionellen Klänge und Rhythmen des Malambo von einem folkloristischen Blick befreit und jenseits patriarchaler Konzepte verstanden werden? Begleitet wird Rocío Marano von den Tänzer*innen und Musiker*innen Ángela Muñoz, Gabriela Turano und Tatiana Heuman, zu Gast ist außerdem die Malambo-Lehrerin und Choreografin Gabriela Valdivia.
#1 Anja Jadryschnikova, Prince Ofori & Raphael Moussa Hillebrand: „Urban Practices Workshop“
House dance, Breakin‘ und Krump: Urbane Tanzstile, die sich in ihren Bewegungssprachen stark voneinander unterscheiden, in deren Entstehungsgeschichte und Wirkungskraft es jedoch Gemeinsamkeiten gibt. Alle drei Stile haben ihren Ursprung in Gegenkulturen – counter cultures – als Selbstermächtigungsstrategien gegenüber einem System von patriarchaler, kapitalistischer und rassistischer Unterdrückung.
Anja Jadryschnikova, Prince MIK Ofori und Raphael Moussa Hillebrand sind jeweils Pionier*innen in ihrem Genre. Zum Auftakt der neuen Reihe „Encounters – Embodied Practices“ im Radialsystem laden die drei Künstler*innen zu einem Workshop ein, der Einblick in ihre jeweiligen Tanzpraktiken und verschiedene Ansätze des gemeinsamen Tanzens gibt. Ob in der Cypher (Kreis), in der Soul Train Line oder in einer interaktiven Videoinstallation, im Mittelpunkt stehen immer der Austausch und das Miteinander.
Der Workshop richtet sich an Menschen, die mit ihrem Körper arbeiten und sehen oder lernen möchten, wie die Konzepte von urbanem Tanz gelebt werden.


















