
Die neue Reihe „wielding fissures – carving cracks in the surface of the now“ begegnet unserem scheinbar kollektiven Gefühl des Untergangs und folgt Rissen in der Gegenwart, durch die hindurch wir andere mögliche Welten ertasten können. Das Radialsystem lädt ab Juli 2026 Künstler*innen ein, die durch ihre künstlerische Praxis ästhetische Ausdrucksformen aus bestehenden Konventionen lösen und dadurch dominante Erzählungen hinterfragen. Die fünf Berlin-Premieren, von Oper bis hin zu choreografischen und dokumentarischen Formen, werden durch die Dialogformate „Embodied Practices“ und „Local Hosting“ ergänzt. Den Auftakt der Reihe, die bis Sommer 2027 fortgesetzt wird, gestalten die Choreograf*innen Alice Ripoll und Sorour Darabi.
Wie stellen wir uns die Zukunft in Zeiten der Krise vor? Weltweit erstarken reaktionäre Ideologien, soziale Bewegungen gegen Ungleichheit werden zunehmend bekämpft und marginalisierte Körper systematisch ausgeschlossen. Auch Kultur und künstlerische Imagination geraten in den Verdacht, eine Bedrohung zu sein. „wielding fissures“ versteht den Akt des Vorausblickens als einen Akt der Hoffnung, als eine sich öffnende Bruchstelle, in der neue Formen des Vorstellens erprobt werden können. Die Reihe versammelt choreografische Arbeiten, die den Körper als Ort von Differenz, Verletzlichkeit und Erfindungskraft begreifen und im Chaos der Gegenwart jene Sehnsüchte erfahrbar machen, die darunter weiterwirken.
„Embodied Practices“ erprobt Formen des Bewahrens und Weitergebens von Körperpraktiken aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Gemeinsam mit den Künstler*innen sind die Teilnehmer*innen eingeladen, in die künstlerischen Ausdrucksformen der im Rahmen von „wielding fissures“ präsentierten Arbeiten einzutauchen.
Im neuen dialogischen Format „Local Hosting“ bringen wir die auftretenden Künstler*innen mit Berliner Kulturschaffenden und Gästen anderer Disziplinen zusammen, um gemeinsam mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Dabei können Verbindungen zwischen verschiedenen Kontexten entstehen, die über Unterschiede hinweg einen Raum für Reflektion, überraschende Einsichten und Austausch öffnen.
Die Reihe „wielding fissures“ ist gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt im Rahmen der Spartenoffenen Förderung. Mit Unterstützung der Radial Stiftung.
Mille et Une Nuits – Performative Oper von Sorour Darabi
In der Weite der Nacht entsteht eine Oper für das 21. Jahrhundert, mit neuen Ästhetiken und Perspektiven und einer anderen Beziehung zur Welt: Mit „Mille et Une Nuits“ präsentiert der iranische Choreograf Sorour Darabi im Radialsystem seine erste Oper – eine immersive Performance, die den Stimmen Raum gibt, die von alten Mythen an den Rand gedrängt wurden. Die Deutschlandpremiere von Darabis Oper ist gleichzeitig der Auftakt zu der neuen Reihe „wielding fissures – carving cracks in the surface of the now“ im Radialsystem.
„Mille et Une Nuits“ beleuchtet „Tausendundeine Nacht“ aus der…
In der Weite der Nacht entsteht eine Oper für das 21. Jahrhundert, mit neuen Ästhetiken und Perspektiven und einer anderen Beziehung zur Welt: Mit „Mille et Une Nuits“ präsentiert der iranische Choreograf Sorour Darabi im Radialsystem seine erste Oper – eine immersive Performance, die den Stimmen Raum gibt, die von alten Mythen an den Rand gedrängt wurden. Die Deutschlandpremiere von Darabis Oper ist gleichzeitig der Auftakt zu der neuen Reihe „wielding fissures – carving cracks in the surface of the now“ im Radialsystem.
„Mille et Une Nuits“ beleuchtet „Tausendundeine Nacht“ aus der Perspektive der Erzählerin Scheherazade. Das Originalwerk, das von einem heterosexuellen Cis-Mann konzipiert wurde, wurde oft dafür kritisiert, die Figur der Scheherazade auf den Status eines Erzählinstruments zu reduzieren und ihren Körper, ihre Wünsche und ihre Subjektivität zugunsten des Autors in den Schatten der Geschichten zu verbannen. Im Zentrum von Sorour Darabis „Mille et Une Nuits“ ist die Nacht daher nicht nur eine Metapher für das Erfinden von Geschichten, sondern ein Raum, in dem Scheherazades wahres Wesen endlich erblühen kann – als queerer Mythos, fernab der Zwänge einer cis-heteronormativen Welt.
In der traditionellen und konservativen Oper fehlen vielfältige Körper und Ausdrucksformen unkonventioneller Sexualität. „Mille et Une Nuits“ erforscht eine Ästhetik der transgeschlechtlichen Stimme. Bei den meisten trans Personen bewirken Hormonbehandlungen eine Veränderung der Stimme, die sich auf die Klangbildung in den Stimmbändern auswirkt. Es ist diese Kraft der Zerbrechlichkeit und der emotionalen Textur, die „Mille et Une Nuits“ hervorhebt, weit entfernt von einem normativen Verständnis technischer Perfektion, indem die Stimme als affektive Landschaft betrachtet wird.
Adorno – Performance von Alice Ripoll
In „Adorno“, portugiesisch für „Schmuck“, „Verzierung“ oder „Dekoration“, stellt Alice Ripoll dem Zeitalter der Algorithmen das zutiefst Menschliche gegenüber: ornamentale Gesten, wechselhafte Launen und spontane Gelüste – eben jene scheinbar trivialen Ausschmückungen, mit denen jede*r das Leben auf eigene Weise zeichnet. Die Berlin-Premiere von Alice Ripolls Performance ist gleichzeitig der Auftakt zu der neuen Reihe „wielding fissures – carving cracks in the surface of the now“ im Radialsystem.
Auf der Suche nach Verbindung in der Unterschiedlichkeit geht die Choreografin der Frage nach, wie sich ein „Wir“ denken lässt, wenn unter acht Milliarden Menschen keine zwei identisch sind. Das Publikum wird von einer ungestümen Gruppe getragen, die sich wie der Lauf der Geschichte selbst in Wellen vor- und rückwärts bewegt. Die Szenen entfalten sich in einer traumartigen Atmosphäre und konfrontieren uns mit dem, was wir als einzigartig empfinden: unsere Erinnerungen, unsere Körper, unsere Zuneigungen – unsere inneren Gezeiten.

